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"The truly cultured are capable of owning thousands of unread books
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kaminer_wladimir_ich_bin_kein_berliner
Hm. Ja. Naja. Also.

Russendisko habe ich gelesen, damals, als es im Taschenbuch rauskam und überall, in wirklich allen Buchläden auf den Kaufmich!-Tischen auslag. Ein paar Monate hatte ich durchgehalten, und dann siegte die Neugier doch, Millionen Buchkäufer können nicht irren und so. Ich fand es platt, zu schnell, die Sprache zu einfach, der Humor nicht meiner.

Vor wenigen Wochen dann habe ich aus purer Langeweile in die vom Autor selbst gelesene Hörbuchfassung von Ich bin kein Berliner reingehört, was man nachts am Rechner halt so macht, und mich meiner Unwissenheit geschämt: der Kerl heisst ja nicht nur wie ein Russe, er ist auch einer, erste Immigrantengeneration, und er schreibt nicht in seiner Muttersprache. Ups. Der Absatz in der Hörprobe war, mit deutlich russischem Akzent unterlegt, auch gar nicht so unlustig, und so landete das Buch kürzlich doch auf meinem Eingangsstapel neben dem Nachttisch.

Zweite Chance also, und Ich bin kein Berliner hat mich tatsächlich ganz gut unterhalten (mehr aber auch nicht). Kurze Beobachtungen über Berlin und seine Bewohner, ergänzt durch Hinweise auf Kneipen, Asia-Shops, Parks, Wochenmärkte und diverses anderes, was eher nicht in Reiseführern landet. Adressenteil und Kurzbeschreibungen im Anhang, ob die Tipps was taugen müsste ein Einheimischer beurteilen. Mein Lieblingsautor wird Wladimir Kaminer immer noch nicht, aber vielleicht lese ich Russendisko mit Kaminers Akzent im Ohr doch noch mal an.

Leseprobe:

"Viele Touristen schimpfen auf die Abneigung der Berliner gegenüber Dienstleistungen -- also über schlechte Bedienung. In einer anderen Stadt wird man sofort bedient, oft sogar von mehr als einem Kellner. Man steht dadurch unter Druck, ständig Bestellungen abzugeben, und ist ganz schnell mit Nudeln oder Alkohol vollgepumpt. Dieser Spaß ist jedoch nie von Dauer: Entweder kriecht man nach zwei Stunden von Gewissensbissen geplagt nach Hause, oder man fällt einfach vom Hocker. In Berlin kann man dagegen stundenlang in einem Lokal sitzen und wird von niemandem angesprochen. Wenn du irgendwas willst, sieh selbst zu, dass du es auch bekommst.

Die Kneipen hier haben einen Anspruch auf Zeitlosigkeit. Sie sind wie ein öffentliches Wohnzimmer, in dem man sich ausruhen kann. Sie sind oft mit schweren Sofas und Sesseln ausgestattet, machen erst nach Mitternacht auf und schließen am darauffolgenden Vormittag. Nach einer Nacht wilden Tanzens haben die jungen Berliner oft keine Kraft mehr, nach Hause zu gehen, und liegen deswegen in Kneipen herum. Manchmal werden hier neue zwischenmenschliche Beziehungen geknüpft und intime E-Mail-Adressen ausgetauscht. Die Sofas in den Kneipen riechen nach Schweiß und Parfüm und sind oft mit Schminke beschmiert."

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23. Sep, 03:05
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